Lipödem am Bauch: Mythos oder Wahrheit?

Das Lipödem (Lipohyperplasia Dolorosa) ist noch immer eine weitgehend unterschätze Erkrankung. 

Oft steht zunächst die Diagnose Adipositas im Raum und viele Betroffene berichten, dass erst nach jahrelangem Leiden die richtige Diagnose gestellt wurde. Vor allem in ihrem ästhetischen Erscheinungsbild fühlen sich die Erkrankten stark beeinträchtigt. Hinzu kommen seelische Belastungen, Druckempfindlichkeit und starke Schmerzen. Jedoch kann die richtige Behandlung Beschwerden nachhaltig lindern und die behandelten Patientinnen profitieren in der Regel von einer deutlich besseren Lebensqualität. Dennoch kursieren seit geraumer Zeit irreführende Informationen, welche von einem Lipödem am Bauch und Gesäß berichten. Eine eindeutige Fehlinformation, denn die Krankheit betrifft ausschließlich Arme und Beine! Nachfolgend erläutern wir Ihnen, weshalb ein Lipödem am Bauch und Gesäß nicht existiert und um welche Erkrankung es sich stattdessen handeln könnte.

Die wichtigsten 5 Punkte vorab:

  1. Es gibt kein Lipödem am Bauch oder dem Gesäß.
  2. Das Lipödem betrifft nahezu nur Frauen und manifestiert sich ausschließlich an Beinen und Armen.
  3. Typische Symptome sind Schmerzen, Druckempfindlichkeit, symmetrisch auftretende Fettpolster, Neigung zu Hämatomen und ein deutliches Missverhältnis der Körperproportionen.
  4. Ein Lipödem tritt oft in Kombination mit Adipositas auf. 
  5. Sport oder Diäten führen nicht zu einer Reduzierung der krankhaften Fettpolster an den vom Lipödem betroffenen Armen und Beinen, können jedoch eine Gewichtsreduzierung an Bauch und Gesäß bewirken.


Ein Lipödem am Bauch gibt es nicht!


Frau mit Bauch - kein Lipödem am Bauch

Was ist ein Lipödem?

Um zu erklären, weswegen ein Lipödem nicht am Bauch oder dem Gesäß auftreten kann, muss zunächst die genaue Definition der Krankheit, das Krankheitsbild sowie der Verlauf betrachtet werden.

Definition und Krankheitsbild - Lipödem allgemein

Bei einem Lipödem (Lipohyperplasia Dolorosa) handelt es sich um eine angeborene Fettverteilungsstörung, welche symmetrisch auftritt und sich durch eine deutliche Disproportion zwischen Stamm und Extremitäten auszeichnet. In den Leitlinien der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften heißt es weiterhin: “Diese [Erkrankung] entsteht aufgrund einer umschriebenen, symmetrisch lokalisierten Unterhautfettgewebsvermehrung der unteren und / oder oberen Extremitäten.” Das bedeutet, dass sich das Fettgewebe an Armen und Beinen unkontrolliert vermehrt, während die anderen Körperbereiche nicht betroffen sind. Die Körperproportionen der betroffenen Patientinnen erscheinen hierdurch asymmetrisch. Charakteristisch sind beispielsweise sehr stämmige Beine und schlanke Füße oder ein normal proportionierter Rumpf und übermäßige Fettdepots an den Extremitäten. Hände und Füße sind demnach nicht betroffen. Dies schließt ebenfalls aus, dass ein Lipödem am Bauch oder dem Gesäß existiert.   Zusätzlich gelangt aufgrund einer gesteigerten Fragilität der Blutgefäße deutlich mehr Flüssigkeit in das betroffene Gewebe. Dies führt im Laufe der Erkrankung zu einer starken Überlastung des Lymphsystems und in der Folge zu einer übermäßigen Einlagerung von Lymphflüssigkeit im Gewebe (Ödeme). Darüber hinaus besteht eine Neigung zu Hämatomen nach Bagatelltraumata. Hinzu kommt, dass Betroffene typischerweise ein Spannungsgefühl inklusive einer erhöhten Berührungs- und Druckschmerzhaftigkeit empfinden. Auch enorme Spontanschmerzen, welche im Tagesverlauf zunehmen, sind ein typisches Symptom.



Laut den wissenschaftlich fundierten Leitlinien der wissenschaftlichen medizinischen  Fachgesellschaften ergeben sich Lipödem-Veränderungen stets symmetrisch an Beinen und / oder Armen. Dabei kann sich die Fettvermehrung homogen über den ganzen Arm bzw. das gesamte Bein verteilen oder aber nur Ober- oder Unterarm bzw. Ober- oder Unterschenkel betreffen. Oftmals liegen Mischbilder dieser Lokalisations-Typen vor. Nur extrem selten tritt ein Lipödem am Arm ohne gleichzeitige Erkrankung der Beine auf. 


Die unterschiedlichen Stadien des Lipödems

Das Lipödem verläuft unabhängig von der betroffenen Körperregion in drei Stadien, wobei der Verlauf individuell unterschiedlich und nicht vorhersehbar ist:

Lipödem Stadium 1 hinten

Stadium 1:

- weitgehend glatte Hautoberfläche
- gleichmäßig, leicht verdicktes Unterhautfettgewebe
- Fettstruktur weist feine Knötchen auf

Lipödem Stadium 2 hinten

Stadium 2:

- wellenartige Hautoberfläche mit deutlichen Unebenheiten

- verdicktes Gewebe

- Fettstruktur weist Knötchen auf

Lipödem Stadium 3 hinten

Stadium 3:

- stark ausgeprägte Umfangsvermehrung

- sehr grobe Hautoberfläche mit Dellen und Verhärtungen

- grobe Furchen, Überhänge und Fettlappen (Wammenbildung)



Wer bekommt ein Lipödem?

Die Erkrankung betrifft nahezu ausschließlich Frauen. Bei Männern konnten lipödem-ähnliche Veränderungen nur infolge hormonell wirksamer Therapien, ausgeprägten Hormonstörungen wie Hypogonadismus oder bei einer Leberzirrhose festgestellt werden.   In der Regel tritt das Lipödem bei Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren in einer Phase hormoneller Veränderungen auf, z.B. Pubertät, Schwangerschaft oder Klimakterium. Laut einiger Experten ist bis zu jede zehnte Frau in Deutschland an einem Lipödem erkrankt. Auf der anderen Seite erhalten auch immer wieder Patientinnen fälschlicherweise die Diagnose Lipödem, obwohl ihre Symptome nicht den Kriterien eines Lipödems entsprechen. So verbreitete sich auch die Fehlinformation, dass ein Lipödem am Bauch existiere, obwohl dieses laut wissenschaftlichen Erkenntnissen ausschließlich Arme und / oder Beine betrifft und es sich bei Fettpolsterungen im Bauchbereich vermutlich um Adipositas handelt.   Insgesamt kann jedoch angesichts der weit verbreiteten Unsicherheit bezogen auf die Diagnosestellung von einer hohen Dunkelziffer an Frauen, die an einem Lipödem erkrankt sind, ausgegangen werden. Denn aufgrund der äußeren Erscheinungsform erhalten die Betroffenen oftmals die Diagnose Adipositas, obgleich die Fettpolster nicht auf die Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung zurückzuführen sind. Vorurteile, dass ein Lipödem durch eine falsche bzw. ungesunde Ernährung oder mangelnde Bewegung selbstverschuldet sei, sind demnach ungerechtfertigt, da es sich um eine angeborene Fettverteilungsstörung handelt. Zwar geht mit der Erkrankung oftmals Übergewicht einher, doch auch normal- bis untergewichtige Frauen können an einem Lipödem leiden. Daher muss deutlich zwischen einem Lipödem und Adipositas differenziert werden. Hierauf soll im nöchsten Abschnitt eingegangen werden.

Lipödem oder Adipositas?

Weisen Sie eine symmetrische, deutliche Disproportion zwischen Stamm und Extremitäten an Armen und / oder Beinen vor, welche gepaart mit lokalen Ödemen, Hämatomneigung sowie unangenehmen Druckschmerzen sind, besteht der Verdacht auf ein Lipödem. Verteilen sich die Fettpolster stattdessen am gesamten Körper und sind nicht ausschließlich auf Arme und Beine konzentriert, kann es sich um klassisches Übergewicht oder Adipositas handeln. 

Adipositas, auch Fettleibigkeit genannt, ist eine Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung, welche sich durch eine übermäßige Zunahme des Körperfettes mit krankhaften Auswirkungen auszeichnet. Häufig kommt es zu einem Mischbild von einem Lipödem und Adipositas, wobei es mitunter schwierig sein kann, eine differentialdiagnostische Abgrenzung beider Krankheiten zu treffen. Daher wird ein Lipödem sehr häufig als Adipositas fehldiagnostiziert. Andersherum wird Fettleibigkeit fälschlicherweise als Lipödem am Bauch oder dem Gesäß konstatiert.

 

Die nachfolgende Tabelle zeigt Ihnen typische Merkmale der beiden Krankheiten inklusive Therapieoptionen auf, um eine Trennung von Lipödem und Adipositas vorzunehmen.



Fettvermehrung


Disproportion


Ödem


Druckschmerz


Hämatomneigung


Therapieoptionen

Lipödem

  • stark vorhanden
  • symmetrisch lokalisiert
  • Extremitäten betont
  • nur an Armen und Beinen möglich

  • stark vorhanden

  • stark vorhanden

  • stark vorhanden
  • disproportional

  • stark vorhanden

  • Kompression MLD (Manuelle Lymphdrainage)
  • AIK (apparative, intermittierende Kompressionstherapie)
  • Liposuktion (Operativer Eingriff)

Adipositas

  • stark vorhanden
  • am gesamten Körper möglich

  • ist möglich

  • möglich

  • nicht möglich

  • nicht möglich

  • Gewichtsreduktion mittels Ernährung und Sport
  • Fettabsaugung (Ästhetischer Eingriff)


Das Lipödem tritt an Armen und Beinen auf -

eine Adipositas kann den ganzen Körper betreffen!


Therapie bei Lipödemerkrankung: Helfen Diät und Sport?

Viele Lipödempatientinnen begegnen dem Vorurteil, sie wären selbst für die überproportionalen Fettpolster verantwortlich. Jedoch sind falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und starkes Übergewicht keine Auslöser für das Lipödem. Die genauen Ursachen für die Entstehung der Fettverteilungsstörung sind zwar noch nicht vollständig erforscht, einige Faktoren sprechen jedoch für eine vererbbare Veranlagung. Da in vielen Fällen eine familiäre Häufung der Krankheitsfälle zu beobachten ist, spielen nach Ansicht vieler Experten genetische Auslöser eine wesentliche Rolle für die Entstehung des Lipödems. Weiterhin ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer maßgeblichen Beteiligung des Hormons Östrogen auszugehen, da die Symptome durch hormonelle Veränderungen während der Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause einen deutlichen Schub erhalten. Während also eine reduzierte Kalorienzufuhr, gesunde Ernährung und sportliche Aktivität die klassischen Mittel zur Reduzierung von unerwünschten Fettpolstern bei Übergewicht sind, zeigen Sport und Ernährungsumstellung bei einer Lipödemerkrankung keinen Effekt. Betätigen sich Lipödempatientinnen sportlich und achten auf ihre Ernährung, kann es durchaus zu einer Gewichtsreduzierung kommen, speziell im Bereich von Bauch und Gesäß. Die von der Krankheit verursachten Fettpolster an Armen und Beinen bleiben jedoch unverändert erhalten. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass das Lipödem am Bauch oder dem Gesäß nicht existiert. Würde es sich bei den Fettpolstern dieser Körperregionen um ein Lipödem handeln, so würde eine Abnahme an Bauch und Gesäß nicht möglich sein. Denn eine Entfernung der überschüssigen Fettansammlungen ist ausschließlich durch einen operativen Eingriff, die sogenannte Liposuktion, möglich. Diese stellt eine achsengerechte sowie lymphgefäßschonende Absaugung des krankhaften Fettgewebes dar und wurde von unserem Ärztlichen Leiter Prof. Dr. Cornely vor 25 Jahren entwickelt und patentiert. Zur Behandlung der Schmerzen durch ein Lipödem werden in der Regel zunächst physikalische Maßnahmen in Form der komplexen physikalischen Entstauungstherapie (KPE) herangezogen. Diese setzt sich aus einer manuellen Lymphdrainage (MLD) in Kombination mit einer Kompressionstherapie, ergänzt durch Bewegungstherapie und Hautpflege, zusammen. Bei dieser konservative Therapie ist allerdings keine Umfangsverbesserung oder auch Fettreduktion zu erwarten. Hierzu hilft einzig die zuvor genannte Liposuktion. 

Awareness Ribbon - Lymphschleife

Das Lipödem am Bauch ist ein Mythos

Wie zuvor ersichtlich wurde, tritt ein Lipödem ausschließlich an Beinen und / oder Armen auf. Ein Lipödem am Bauch oder dem Gesäß gibt es nicht! Zudem führt die Unterhautfettgewebsvermehrung in den Extremitäten zu der beim Lipödem typischen Schmerzsymptomatik.

So banal es klingen mag: Wenn das Gesäß ebenfalls vom Lipödem betroffen wäre, könnten Patientinnen mit einem Lipödem nicht ruhig auf einem Stuhl sitzen, da sie dabei Schmerzen hätten. Dass eine Gewichtsreduzierung an Bauch und Gesäß bei einer Lipödemerkrankung möglich ist, nicht aber an den vom Lipödem betroffenen Armen und Beinen, entspricht auch unserer klinischen Erfahrung mit hunderten von Patientinnen im Jahr, die uns mit der Diagnose bzw. Verdachtsdiagnose Lipödem aufsuchen. So gibt es Fälle, bei denen erfolgreich am Lipödem operierte Patientinnen noch eine deutliche Umfangsvermehrung an Bauch und Gesäß aufweisen. Ist eine deutliche Überproportion von Bauch und Gesäß durch eine entsprechende Aktivitätssteigerung und Diät nicht möglich, kann eine Fettabsaugung dieser Regionen in Erwägung gezogen werden. Eine derartige Operation stellt jedoch nicht mehr die Behandlung des lymphologischen Krankheitsbildes Lipödem dar: Es handelt sich hierbei um eine rein ästhetisch indizierte, kosmetische Operation. Begegnen Sie einer Praxis, welche eine Fettabsaugung als Behandlung eines vermeintlichen Lipödems am Bauch anbietet, sollten Sie lieber eine zweite Meinung einholen. Als Fachklinik für Lipödem und Lymphödem grenzen wir uns daher klar von der Existenz und Therapie von einem Lipödem am Bauch oder Gesäß ab. Wir führen keine Behandlung eines Lipödems am Bauch durch, da dieses schlichtweg nicht existiert. Selbstverständlich bieten wir Ihnen aber unsere individuellen und patentierten Behandlungsmethoden für ein Lipödem an Armen und / oder Beinen an, welche in 90% der Fälle zu kompletter Schmerzfreiheit der Patientinnen führen.


FAZIT:

Falls Sie an verhältnismäßig großen Fettpolstern am Bauch und Gesäß leiden, wissen Sie nun, dass es sich hierbei nicht um ein Lipödem am Bauch oder Gesäß handelt. Eine Reduzierung des Fettes ist daher nicht mit den Behandlungsmethoden einer Lipödemerkrankung möglich. Vermutlich handelt es sich um Übergewicht bzw. Adipositas, welche nur mittels einer Umstellung des Lebensstils oder einer Fettabsaugung am Bauch zu bekämpfen sind. Oftmals treten Mischformen beider Erkrankungen auf, wobei eine Gewichtsreduzierung nicht an den vom Lipödem betroffenen Armen und / oder Beinen möglich ist, aber durchaus am Bauch oder dem Gesäß vorkommen kann.

Sie haben weitere Fragen zur Behandlung eines Lipödems oder sind sich unsicher, ob Sie an der Fettverteilungsstörung erkrankt sind? Nehmen Sie Kontakt zu uns auf und vereinbaren Sie einen Termin für ein Beratungsgespräch! Wir helfen Ihnen gerne weiter und kümmern uns um Ihr Anliegen.


Wir sind für Sie da!

Sie können über das Kontaktformular Informationsmaterial und/oder eine Lymphschleife anfordern, einen Untersuchungstermin vereinbaren oder sich zu unserer Informationsveranstaltung “LYMPHA” anmelden. 

Selbstverständlich stehen wir Ihnen während der Öffnungszeiten auch gerne telefonisch unter  0221.16 80 22-0  zur Verfügung.  

 

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